Ein Baum – zwei Sorten

Experiment in einem Chemnitzer Kleingarten: Hier hängen Birnen neben Äpfeln. Zudem werden Tomoffeln gezüchtet. Gartendoktor Gunter Wolf erklärt, wie das geht.

Birne auf Apfel oder Apfel auf Birne? Gartendoktor Gunter Wolf ist begeistert von den Experimenten im Chemnitzer Kleingartenverein „Geibelthöhe“. Der Fachberater aus Dresden schaut sich einmal im Monat im Auftrag der „Freien Presse“ in einem Garten um – diesmal bei Bernd Reusmann. Hier fällt ihm gleich der Baum mit zwei verschiedenen Früchten auf – frisch und knackig. Die Ernte steht bevor.

2015-08-08

Gartendoktor Wolf kennt den Urheber. Denn Reusmann ist wie er Fachberater für Kleingärtner, allerdings in Chemnitz: „Ich probiere gern aus“, sagt Bernd Reußmann, „weil ich anderen Empfehlungen geben möchte. Also teste ich es zuerst bei mir im Garten und bei Nachbarn, wenn sie mich bitten.“ Seine 300 Quadratmeter große Parzelle ist für ihn nicht nur Gemüse- und Obstlieferant, sondern eben auch Experimentierfeld. Aber alles im Rahmen der Vereinsvorschriften.

Vielfältigere Ernte

Gunter Wolf erklärt, was es mit dem Zwei-Frucht-Baum auf sich hat, der versteckt hinter einer alten Schattenmorelle wächst. „Hier wurde ein Birnenbaum mit Äpfeln veredelt.“ Bei dem Baum ein Stück weiter vorn im Grundstück ist es genau andersherum. Und – fast hätte man es beim Experimentierer Reusmann vermutet – auch der Apfelbaum ist nicht sortenrein. „Das hat einen Vorteil. Wenn die ersten Äpfel geerntet sind, hat der Winterapfel Platz, sich zu entfalten“, sagt Reusmann. Für seinen Dresdner Kollegen ist es eine Technik für Hobbygärtner, die gern tüfteln, eine Erfindung der Neuzeit aber nicht. Schon vor mehr als 3000 Jahren hatten unsere Vorfahren erkannt, dass durch Veredeln die Ernte vielfältiger ausfällt.

„Zum Veredeln benötigt man ein Edelreis“, sagt Wolf. Edelreiser sind gesunde einjährige Triebe in der Stärke eines Bleistifts, die mindestens zehn Zentimeter lang sein sollten. Sie werden im Winter von der gewünschten Sorte entnommen. Aber erst im Frühjahr, wenn kein Frost mehr droht, ist der richtige Zeitpunkt zum Veredeln.

Bis dahin muss der Zweig, der laut Wolf vier Blattknospen haben sollte, frisch gehalten werden. Und das an einem kühlen, luftfeuchten und frostfreien Ort. Möglich ist das im Keller, wenn der Reiser in feuchtes Papier eingeschlagen, in feuchten Sand gesteckt oder mit feuchtem Moos abgedeckt wird. Der Reiser darf weder austrocknen noch zu nass liegen. Die Unterlage, auf die der Trieb gesetzt wird, sollte dabei von derselben Pflanzenart sein. Ein Apfelreis wird also nicht auf einem Pflaumenbaum anwachsen. Aber Kernobst wie eben Apfel und Birne sind gut verträglich, Steinobst wie Kirsche und Pflaume ebenfalls. Je größer der Verwandtschaftsgrad, umso erfolgversprechender das Ergebnis.

Die Unterlage für den künftigen Obst-Partner sollte ein bis zwei Knospen haben. Sie erhält einen schrägen Schnitt, der bis zu sechs Zentimeter lang sein kann. Auch der Edelreis bekommt diesen Schnitt, sodass beide Teile gut zusammengefügt werden können. Sind sie aufeinandergesetzt, werden sie mit Bast fixiert und mit Baumwachs befestigt. So wächst das Fruchtholz an. Da es eine Wunde ist, weist Gartendoktor Wolf darauf hin, dass die Schnittstelle nicht mit den Fingern berührt werden sollte und fast steril zu behandeln ist. Sie darf auch nicht austrocknen. Deshalb ist das Feuchthalten bis zum Einsetzen wichtig.

Gunter Wolf ist erstaunt, über die gesunden Blätter und Früchte im Kleingarten. Oft mache sich bei Obst Monilia breit. Die Krankheit tritt als Fruchtfäule und Spitzendürre unmittelbar nach der Blüte auf. Birnenbäume sind oft von der Pilzerkrankung Gitterrost befallen. „Da hilft nur spritzen“, sagt Wolf. Auch wenn er da tatsächlich etwas nachgeholfen hat, ist Chemie sonst im Garten von Bernd Reusmann tabu. Warum der Baum mit wenig Chemie auskommt, hat einen Grund: Sämtliche Wacholderpflanzen, die den Birnengitterrost übertragen, sind aus den Gärten des Vereins entfernt. Den Befall mit dieser Pilzerkrankung gibt es deshalb in der Anlage kaum noch.

Ein Lob gibt es dafür vom Gartendoktor. Denn bestimmte Wacholdersorten sind die Wirtspflanzen für diese Krankheit. Trotzdem sei beim Veredeln Geduld gefragt, weil es nicht immer sofort funktioniert. Wie es gelingen kann, erklärt Reusmann regelmäßig bei Rundgängen durch seinen Garten und bei Vorträgen. Da kommen nicht nur die Hobbygärtner aus den 227 Gärten des Vereins. Viel Freiraum ist aber nicht, denn es gibt kaum ein freies Fleckchen in Reusmanns Garten.

Kartoffel trifft auf Tomate

Neben einer Nektarine, deren Früchte nach dem Abbruch eines Astes nur zu einer Seite wachsen, findet sich hinter dem einen Frucht-Zwillingsbaum noch eine Besonderheit: „Das ist eine Tomoffel“, erklärt Gunter Wolf. Dafür wird eine Kartoffelpflanze in das Pflanzloch einer Tomate gesetzt: „Dabei muss die Kartoffel immer wieder angehäufelt werden, damit die Triebe nicht durchkommen.“

Auch bei dieser „Veredlung“ gilt: Gelingt das Experiment, lassen sich von einer Pflanzstelle sowohl Tomaten als auch Kartoffeln ernten. Selbst ein Blick ins Gewächshaus verrät: Hier gibt sich der Gartenfreund nicht mit den üblichen Sorten wie Gurken und Tomaten zufrieden. Bei Reusmann sind es neben besonders großen Paprikaexemplaren verschiedene Melonenarten, die heranwachsen. Nebenan ranken sich an Gittern Wein und Stangenbohnen in die Höhe.

Und in dem an vielen Stellen naturbelassenen Garten sprießt auch die Brennnessel. Für viele ist der Sud daraus ein gutes Mittel gegen Blattläuse. „Eine Legende“, sagt Wolf. Allerdings sei er ein guter Dünger. Wer also etwas für den Wuchs tun will, weicht Brennnesseln ein, lässt sie einige Tage stehen und gießt dann den Sud an die Pflanzen.

Bildtext: Zum Reinbeißen: Gartendoktor Gunter Wolf hat im Chemnitzer Experimentier-Garten die Wahl zwischen Äpfeln und Birnen.

FOTO: THOMAS KRETSCHEL

Quelle: Freie Presse, Ausgabe Werdau, Ratgeber, vom 08.08.2015

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