Sachsen entdeckt seine Obstschätze

Ein bedrohter heimischer Apfel wird heute die erste Obstsorte des Jahres. Nur eine der Aktionen für mehr Geschmacksvielfalt.

Es gibt ihn nirgendwo mehr zu kaufen. Und wahrscheinlich würde ihn heute auch kaum jemand kaufen: den Apfel, der Gelbe Sächsische Renette heißt. Denn neben den hübsch genormten Standardsorten im Supermarkt hätte er keine Chance. Er erreicht nicht die Größe eines Granny Smith. Er glänzt nicht so verführerisch Rot wie der Gala. Und er hat Makel, die König Kunde nicht schätzt: Flecke auf der Schale, manchmal sogar einen Wurmstich. Trotzdem ist die Gelbe Sächsische Renette die erste Obstsorte, die sich ab heute Sächsische Obstsorte des Jahres nennen darf – wegen ihrer inneren Werte.

2015-08-29

Der neue Titel wird von Sachsens Pomologen vergeben – ein Verein von Obstkundlern, die sich für den Erhalt vom Aussterben bedrohter Sorten einsetzen. „Im Laden finden wir heute bestenfalls fünf bis zehn Sorten Äpfel“, sagt Landessprecher Georg W. Schenk. „Dabei gibt es Tausende. Doch mit dem Übergang zu intensiven Anbauverfahren geraten regionale Sorten, die von unseren Vorfahren über Jahrhunderte gepflegt und vermehrt wurden, in Vergessenheit.“ Das bedeute fast unmerklich einen Verlust an Vielfalt. Schenk: „Jede Sorte schmeckt und riecht ein wenig anders: nach Zitrus, Muskat oder Rosenblüten.“

Die Gelbe Sächsische Renette zum Beispiel hat ein saftiges, mild-saures Fruchtfleisch. Sie reift erst spät zwischen Dezember und März und gilt deshalb als idealer Winterapfel. Doch von der mehr als 200 Jahre alten Sorte existieren heute gerade mal noch 25 Bäume, schätzen die Pomologen.

Drei davon wachsen auf der Streuobstwiese von Max Röber bei Kreischa. „Unser Obstgarten war über Generationen in Familienbesitz“, sagt er. „Zu DDR-Zeiten mussten wir das Land abgegeben, und niemand kümmerte sich mehr um die Bäume.“ Nach der Wende bekam Röber das Grundstück zurück und begann Gefallen an dem zu finden, was die Natur ihm als Ausgleich zu seinem Lehrerberuf bot. Er ließ die Obstsorten bestimmen und pflanzte neue, regionale nach. Inzwischen wachsen bei ihm über 70 verschiedene Apfelsorten, eine Hauszwetschge und diverse Birnen- und Kirschsorten, aus denen er Säfte und Obstbrand macht. „Meine Großmutter konnte die alten Obstsorten alle noch mit Namen benennen“, sagt Röber. Für ihn seien sie heute genau wie historische Bauwerke, Lieder und Bräuche ein Kulturgut, das erhalten werden müsse.

Röber schnitt deshalb gemeinsam mit anderen Pomologen 300 Reiser von seinen Gelben Sächsischen Renetten und brachte sie in regionale Baumschulen zum Vermehren. So zum Beispiel zu Klaus Schwartz nach Löbau, der die Reiser auf Hochstämmen für Streuobstwiesen veredelt hat. „Sie sind gut gewachsen“, sagt er. Ab Ende Oktober, Anfang November wolle er die etwa 1,80 Meter großen Jungbäume verkaufen – für 25 bis 28 Euro das Stück. Einige Baumschulen haben die Reiser auch auf Halb- und Niederstämmen veredelt, die für Kleingärten geeignet sind. „Wir hoffen, dass das Obst des Jahres damit bald wieder vielerorts in Sachsen wächst“, sagt Schwartz. Regionale Sorten kämen mit dem Klima oft besser zurecht als Züchtungen aus dem Bau- und Gartenmarkt.

Die Gelbe Sächsische Renette stellt laut Schwartz keine großen Ansprüche. Der Boden solle nicht zu leicht und nicht zu trocken sein. Mit den ersten Früchten ist bei Hochstämmen allerdings erst nach zehn bis 15 Jahren zu rechnen. Schwartz: „In unserer schnelllebigen Zeit ist das für viele ein Schock.“

Pomologen wie Grit Striese versuchen deshalb, die Begeisterung für die traditionellen Sorten schon bei Kindern zu wecken. Ab heute ist sie in Dresdner Schulen unterwegs, lässt Supermarkt- und Streuobst-Äpfel verkosten und mit den Händen Apfelsaft und -mus herstellen. Über diese Art von Geschmackserziehung hofft sie, auch Eltern und Großeltern zu erreichen.

Nach Einschätzung von Pomologen-Sprecher Schenk tragen all die Bemühungen erste Früchte. Im Oktober soll es in Bad Muskau die zweiten Mitteleuropäischen Pomologentage geben – eine länderübergreifende Fachveranstaltung mit Publikumstag am 18., an dem alte Obstsorten bestimmt und verkostet werden können. Dann kehren auch die 100 historischen Obstsorten in den Garten von Fürst Pückler zurück, die vor zwei Jahren in der Schlossgärtnerei angepflanzt wurden. Darunter ist neben dem Lausitzer Nelkenapfel auch Sachsens Obstsorte des Jahres 2016 – die Gelbe Sächsische Renette.

TERMINE und Adressen der Baumschulen unter http://pomologen-verein.de/sachsen

Bildtext: So selten, dass der genaue Standort geheim bleibt: einer von nur etwa 25 erhalten gebliebenen Apfelbäumen der Sorte Gelbe Sächsische Renette steht auf der Streuobstwiese von Obstkundler Max Röber (rechts). Sachsens Pomologen-Sprecher Georg W. Schenk bewundert die Früchte.

FOTOS: WOLFGANG WITTCHEN

Quelle: Freie Presse, Ratgeber vom 27.08.2015

Ein Gedanke zu „Sachsen entdeckt seine Obstschätze

  1. Prof. Klaus Konschak

    Der Artikel ist sehr interessant. Wir haben einen Freundeskreis Streuobstwiese Schlosspark Strehla e.V. mit 31 Mitgliedern. Die Wiese ist 5,5 ha groß und wir haben in den letzten 4 Jahren 175 neue Obstbäume gepflanzt; ausschließlich alte Sorten. Ausserdem gibt es noch 138 alte Bäume; auch alles alte Sorten. Davon sterben uns jährlich 10 bis 20 ab. Wir haben Äpfel (77 Sorten), Birnen, Pflaumen und eine Kirsche und sind um die Rettung der Streuobstwiese bemüht. Eine Gelbe Sächsische Renette haben wir nicht; wir wären am Erwerb von 3 Exemplaren interessiert. Am 7.10. präsentieren wir unsere Ergebnisse um 10 Uhr im Schloß Klippenstein, Radeberg. Wir würden gern im sächsischen Pomologenverein mitarbeiten und auch im Oktober in Bad Muskau präsent sein. Wo bekommt man nähere Informationen? Bitte Mitteilung an konschak.strehla@t-online.de .

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